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Die Kooperation von RAF, Roten Brigaden, CIA und KGB

Von Regine Igel
Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2007

Am 7. September 1977 wird in Köln der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin
Schleyer durch ein Kommando der „Rote Armee Fraktion“ auf offener
Straße überfallen. Die Männer seiner Eskorte werden erschossen, er selbst
wird entführt und später umgebracht. Ein halbes Jahr danach, am 16. März
1978, passiert dasselbe mit dem Vorsitzenden der christdemokratischen Partei Italiens, Aldo Moro, und seinen Begleitern. Dabei wird die gleiche Technik des
Überfalls angewandt, schräg vor und hinter dem Konvoi platzierte Autos fungieren
als Falle. In beiden Fällen fordern die Terroristen die Freilassung von
inhaftierten Gesinnungsgenossen, in beiden Fällen wird der Entführte nach
einer mehrwöchigen Gefangenschaft erschossen und der Leichnam im Kofferraum
eines am Straßenrand geparkten Autos der Öffentlichkeit übergeben.
Doch mehr noch, die Ähnlichkeiten reichen bis in die Prozesse: In beiden Fällen
sind die Überfälle bis heute keineswegs aufgeklärt und die Rolle beteiligter
Täter unbekannt. Und hier wie da gibt es eiserne Mauern des Schweigens,
bei Tätern und Geheimdiensten.
Doch in Italien ist die Justiz unabhängig und nicht, wie in Deutschland,
der Politik gegenüber weisungsgebunden und untergeordnet. Sie ist zudem
durchlässiger, der Öffentlichkeit gegenüber nicht so abgeschottet wie in der
Bundesrepublik.1 Es wird tabufreier aufgedeckt, um Gesetzesbrüche staatlicher
Institutionen kein Bogen gemacht. So ist die Politik in Italien in ihren
Grauzonen schutzloser, weshalb sich Silvio Berlusconi in seiner Amtszeit
„deutsche Verhältnisse“ in seinem Land wünschte.
Schon in den späten 70er und frühen 80er Jahren stießen zahlreiche Staatsanwaltschaften
und auch die parlamentarischen Untersuchungskommissionen
bei ihren Ermittlungen zum italienischen Linksterrorismus, insbesondere
im Fall Moro, auf die Steuerung und Deckung durch die CIA, den Mossad und,
als deren Helfershelfer, die italienischen Geheimdienste.2 Untersuchungsrichter
Ferdinando Imposimato, der als einer der beharrlichsten Ermittler in Italien
gilt, fasst den Stand dieser Ermittlungen zusammen: „Es ist inzwischen unbestritten,
dass die CIA der Ausschaltung Moros einen Schub gegeben hat. Darüber
wird nicht mehr diskutiert. Denn während der Zeit der Entführung waren
Männer der CIA im Krisenkomitee der Regierung. Die CIA war interessiert
an der Ausschaltung Moros. Denn Moro war Mitautor des Historischen Kompromisses,
der – so der amerikanische Sicherheitsberater Kissinger – gefährlich
war, weil er die kommunistische Partei an die Regierung gebracht hätte.
Und ein Land der NATO durfte keine kommunistische Partei in der Regierung
haben“.3
Bei der Ermittlung der Drahtzieher des Terrorismus fokussierte man sich
damals allerdings auf die westlichen Geheimdienste. Dieser Blickwinkel
begann sich erst ab 1989, mit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems und
der folgenden Auflösung der Partito Comunista Italiano (PCI), langsam zu
verschieben. Seither ist das Wissen über eine Steuerung der Roten Brigaden
wesentlich differenzierter geworden. Entscheidend für den neuen Blickwinkel
war die Freigabe von Akten aus Geheimdienstarchiven ehemaliger Länder
des Warschauer Paktes. Mit deren Hilfe werden in den letzten Jahren die Konturen
der Beeinflussung des westeuropäischen Linksterrorismus auch durch
östliche Geheimdienste immer deutlicher. Neueste italienische Ermittlungen
belegen die dichte Vernetzung des internationalen Linksterrorismus, insbesondere
zwischen Roten Brigaden und RAF im Fall Moro, sowie die Steuerung
des internationalen Terrorismus nicht nur über die CIA und den Mossad, sondern
auch durch den KGB und die Stasi.
Neue Fakten und Indizien
Folgende neue Fakten und Indizien untermauern diese Verbindungen:

1. Von besonderer Bedeutung ist die Aufdeckung einer engen – in Deutschland
gänzlich unbekannten – Verbindung zwischen RAF-Mitgliedern und
den Roten Brigaden in der Zeit zwischen den Anschlägen auf Hanns Martin
Schleyer und Aldo Moro. Zwischen Juni 1977 und Mai 1978, also ab Beginn der
Vorbereitungen für den Anschlag auf Aldo Moro bis kurz nach seiner Ermordung,
hielt sich eine ganze Reihe führender RAF-Mitglieder in Italien auf.4
Brigitte Mohnhaupt, Sieglinde Hoffmann, Klaus Clemens Wagner und Peter-
Jürgen Boock wurden durch Hinweise aus Mailand am 11. Mai 1978 in Zagreb
verhaftet, also zwei Tage nach Moros Erschießung. Bei ihren dortigen Vernehmungen
gestehen Mohnhaupt und Hoffmann ein, eine Reise nach Mailand
unternommen zu haben, verschweigen allerdings, dort eine feste Adresse zu
haben. Dabei werden ihre Kontakte zu Mario Moretti bekannt, seit 1974 Führer
der Roten Brigaden und Hauptverantwortlicher des Anschlags auf Aldo
Moro.

2. In den aufgeflogenen konspirativen Wohnungen der Roten Brigaden
tauchten ab Ende 1978 Dokumente auf, die auf eine intensive Verbindung
der RAF zu den Roten Brigaden schließen lassen, darunter das Protokoll einer
internen Debatte im Gefängnis von Stammheim. Außerordentlich bedeutsam
ist der Fund einer politischen Schrift der Roten Brigaden vom November
1977.5 Über 45 Seiten wird hier geradezu ein Loblied auf die RAF angestimmt.
Sie wird gerühmt als „politisch-militärische Avantgarde des Proletariats der
europäischen Metropolen“ und „als ein grundlegender Bezugspunkt in den
revolutionären Initiativen auf dem ganzen Kontinent“. Aufgelistet werden
zudem all jene italienischen Städte, in denen anlässlich der Toten der RAF im
Gefängnis in Stammheim militante Solidaritätsaktionen abgehalten wurden.

3. Bei RAF-Anschlägen in Frankfurt und Hamburg konnten Granaten
sichergestellt werden, die in der Schweiz geraubt worden waren und aus
einem Waffenlager der Roten Brigaden stammten.6 Als die führenden RAFMitglieder
Willi Peter Stoll und Elisabeth von Dyck 1978 und 1979 von Polizisten
erschossen werden, findet man bei ihnen gefälschte Ausweise, die von
Rotbrigadisten in dem Ort Sala Comacino gestohlen worden waren.

4. Zu diesen objektiven Fakten kommen jene Erklärungen, die das mit der
Justiz kooperierende ehemalige Mitglied der Roten Brigaden, Patrizio Peci,
1980 gemacht hat. Alle seine Äußerungen haben sich als der Wahrheit entsprechend
herausgestellt. Peci erklärte, dass es „intensive“ Kontakte zwischen
den beiden Organisationen gab, spätestens seit 1975/76 auch von Seiten
Mario Morettis und vor und nach der Entführung Aldo Moros insbesondere
auch zwischen diesem und Willi Peter Stoll. Moretti hat diese Kontakte immer
geleugnet, doch sein Mitstreiter bei der Entführung Moros, Lauro Azzolini,
sprach gegenüber den Ermittlern von intensiven Kontakten zwischen RAF
und Roten Brigaden während der Entführung.

5. In dieser italo-deutschen Runde taucht über die Vermittlung von Brigitte
Heinrich, die nach der Wende als Stasi-Mitarbeiterin überführt wurde, 1977,
und dann für längere Zeit ab Januar 1978, auch der Agent des deutschen Verfassungsschutzes
und Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ Volker von Weingraber
alias Karl Heinz Goldmann auf. Weingraber – der seinen Wohnsitz in der
Via Solari in Mailand hatte – nahm an Treffen der Rotbrigadisten teil und leistete
dem westdeutschen Geheimdienst Rapport. Untersuchungsrichter Imposimato
kommentiert, „nie richtig verstanden“ zu haben, „welche Art Nachrichten
dieser Agent zu sammeln verstand“. Für ihn bleibt „das Ganze eine
beunruhigende Angelegenheit, denn Weingraber habe nichts getan, um die
Entführung Moros zu verhindern“. 7

6. Der vernommene Peci sagte auch aus, dass es die RAF war, die den Kontakt
der Roten Brigaden zu den Palästinensern der extremistischen Volksfront
zur Befreiung Palästinas (PFLP) herstellte, und dass diese ihnen Waffen lieferte,
was in weiteren Ermittlungen bestätigt wurde. Diese Waffenbeschaffung
fand auch zugunsten anderer europäischer Terrororganisationen statt.
Die parlamentarische Untersuchungskommission hält fest, dass dieser Waffenhandel
vom KGB autorisiert war und die Waffen selbst meist aus dem Ostblock
kamen.

7. In einem Fernsehinterview im italienischen Fernsehen sprach auch Hans
Joachim Klein, der 1978 aus den „Revolutionären Zellen“ (RZ) und dem Terrorismus
ausstieg, von der engen Verbindung von RAF und Roten Brigaden.
Zudem habe es ein Treffen zwischen den Roten Brigaden und Wilfried Böse
(RZ) gegeben, der 1976 bei der Befreiungsaktion der Entführung eines Flugzeuges
durch die PFLP in Entebbe erschossen wurde.8 Der ehemalige Rotbrigadist
Alberto Franceschini berichtete, dass nach der Verhaftung von Baader
und Meinhof 1972 der Kontakt zu der „Bewegung 2. Juni“ begann. Dabei sei
es um logistische Fragen gegangen: Die Deutschen „besorgten Waffen und
diverse Gerätschaften, die man für die Stadtguerilla braucht“.9

8. Bedeutend ist auch eine Zeugenaussage direkt vom Tag des Überfalls auf
Aldo Moro. Danach habe einer der beiden auf einer Honda fahrenden Scharfschützen,
10 die die Eskorte von Moro erschossen haben, Deutsch gesprochen.
Diese „deutsche Präsenz“ hat sogar der seinerzeitige Innenminister Francesco
Cossiga vor der Parlamentskommission eingeräumt.

9. In Rom, dem Ort der Entführung und Ermordung Aldo Moros, werden
zwei aktive KGB-Agenten enttarnt. Über beide finden sich Angaben in den
Geheimdienstakten, die der ehemalige KGB-Archivar Wassili Mitrochin 1992
dem englischen Geheimdienst in London übergab und die der italienischen
parlamentarischen Untersuchungskommission vorliegen. Der eine ist Sergej
Sokolov, der Moro vor seinem Tod vier Monate lang beschattete. Er gehörte
der Abteilung 5 des 1. Direktorats des KGB an, das zuständig war für Mordanschläge,
Personenentführung und Attentate.11 Der zweite KGB-Agent mit
langer Dienstzeit ist der Italiener Giorgio Conforto. Dessen Tochter, Giuliana
Conforto, hatte engste Beziehungen zu internationalen Terroristenkreisen in
der Schweiz und deren Waffenhandel. In der gemeinsamen Wohnung von ihr
und ihrem Vater entdeckt man sogar die Waffe tschechischer Herkunft, mit
der Aldo Moro erschossen wurde.

10. Die ehemaligen Rotbrigadisten Alberto Franceschini, Renato Curcio
und Michele Galati haben unabhängig voneinander vor den Ermittlern ihre
Annahme erläutert, dass Mario Moretti, der sich immer vor einer Festnahme
retten konnte und nach der Verhaftung der Gründungsgruppe 1974 Führer
der Roten Brigaden wurde, selbst ein Agent war, möglicherweise für den KGB.
Zahlreiche Indizien weisen darauf hin, dass Moretti und andere aus der Füh-
rungsgruppe nach 1974 Verbindungen zum italienischen Geheimdienst SISMI
unterhielten.

11. Bei ihrer Festnahme am 16. Juni 1982 auf dem römischen Flughafen
Fiumicino trug das Mitglied der „Revolutionären Zellen“ bzw. auch der
RAF, Christa Margot Fröhlich, einen Koffer voller Sprengstoff tschechischen
Ursprungs bei sich. Die Ermittlungen Rosario Priores ergaben, dass sie viele
Reisen zwischen Bagdad, Damaskus, Paris und Bukarest unternahm und eine
zentrale Figur der auch von Ost-Berlin aus operierenden und von Stasi bzw.
KGB gedeckten Carlos-Gruppe war, zu der auch Thomas Kram und Johannes
Weinrich gehörten. Am 2. August 1980 hielt sie sich zusammen mit Thomas
Kram für einen Tag in Bologna auf – also exakt zum Zeitpunkt des größten
Bombenanschlags in Italien.12
12. Was die Ähnlichkeit der Ausführung der Überfälle auf Hanns Martin
Schleyer und Aldo Moro betrifft, so wurde in der Parlamentarischen
Untersuchungskommission zum Mord an Aldo Moro erwogen, dass Willi
Peter Stoll derjenige Schütze gewesen sein könnte, der die Schüsse auf
die Bodyguards von Schleyer und Moro abgegeben hat. Als die Polizei den
gesuchten Stoll am 6. September 1978 in einem Düsseldorfer Restaurant entdeckte,
wurde er mit einem gezielten Todesschuss durch einen Polizisten
umgebracht. Das gleiche Schicksal ereilte im Juni 1979 das RAF-Mitglied
Elisabeth von Dyck. Nur Rolf Heißler überlebte schwer verletzt. Alle drei waren
am Überfall auf Hanns Martin Schleyer beteiligt gewesen. Bei ihnen werden
italienische Papiere gefunden, die auf die gleiche Weise gefälscht wurden wie
die von Rotbrigadisten, die an der Moro-Entführung beteiligt waren. Die Indizien
weisen darauf hin, dass alle drei sich zur Zeit der Moro-Entführung in Italien
aufgehalten haben.

Der deutsche Linksterrorismus und das internationale Netz

Alle diese Informationen führen Untersuchungsrichter Imposimato und andere
Kenner der Materie zu der Annahme, dass die RAF an der Entführung Moros
beteiligt war – und nicht nur mittels Ratschlägen, sondern mit einem aktiven
Beitrag an der organisatorischen Umsetzung des Überfalls. Der Schweizer
Rechtsanwalt Denis Payot, der schon während der Schleyer-Entführung als
Verbindungsmann zwischen der RAF und dem Staat fungierte, hatte sich auch
im Fall Moro als Verbindungsmann angeboten. Er vertrat schon damals die
Auffassung, dass die Entführung Moros nicht nur das Werk der Roten Brigaden,
sondern der Roten Brigaden und der RAF gewesen sei. Dies habe er
aus dem ihm bekannten Terrorumfeld erfahren.13 Und Sergio Flamigni, langjähriges
Mitglied der parlamentarischen Untersuchungskommission zum
Anschlag auf Aldo Moro und Autor vieler einschlägiger Bücher, sieht, was die
Anwendung der Überfalltechnik und die Ausschaltung der Eskorte betrifft, in
der RAF gar den Lehrmeister der Roten Brigaden.14
Untersuchungsrichter Imposimato fordert deshalb herauszufinden, ob es
auch im Fall Schleyer eine Verwicklung der Stasi bzw. über diese des KGB
gab.15 Anzeichen für eine Stasi-RAF-Verbindung gibt es schon seit Anfang
der 80er Jahre. So sprachen kooperationswillige ehemalige führende Rotbrigadisten
bei ihren Vernehmungen schon damals von der „RAF sovietica“
oder von der RAF und anderen deutschen Linksterroristen als „einem Satelliten
von anderen“. Offensichtlich wussten sie um den Einfluss der Stasi und
damit des KGB auf die RAF.16 Auch der Aussteiger Hans-Joachim Klein deutete
bereits in seiner Autobiographie „Rückkehr in die Menschlichkeit“ von
1979 eine Fremdsteuerung an: „Es heißt immer, dass die einzelnen Gruppen,
also die RAF, die ‚Bewegung 2. Juni‘ oder die ‚Revolutionären Zellen‘, absolut
unabhängig sind. Stimmt überhaupt nicht. Ohne Haddad läuft nichts.“ Dieser
Hinweis wurde seinerzeit nur als Beleg für den starken Einfluss der PFLP, des
linksextremistischen Flügels der PLO, auf den deutschen Linksterrorismus
gewertet. Doch mit den Geheimdienstakten, die der ehemalige KGB-Archivar
Wassilji Mitrochin 1992 dem englischen Geheimdienst in London übergab und
die der italienischen parlamentarischen Untersuchungskommission vorliegen,
ist bekannt geworden, dass Haddad seit 1970 unter dem Decknamen „Nazionalist“
Agent des KGB war.17 Wadi Haddad war nach dem Führer der PFLP
George Habash der zweite Mann in der Organisation und zuständig für die
internationalen Kontakte. Der seit 1973 amtierende KGB-Chef Juri Andropow
teilte dem sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew mit, dass der
KGB dank Haddad die Kontrolle über die Aktionen der PFLP habe. Zwischen
1970 und 1975 erfolgten zudem Waffenlieferungen über Haddad an Carlos
und die „Revolutionären Zellen“. 18
Wie aus Stasi-Dokumenten hervorgeht, die der Parlamentarischen Untersuchungskommission
zu den Mitrochin-Akten vorlagen, fungierte Johannes
Weinrich, Mitglied der Carlos-Gruppe und der „Revolutionären Zellen“, als
Bindeglied zwischen der PFLP, den westdeutschen Terroristen und der Stasi.
Er war zuständig für die Weitergabe von Waffen, Sprengstoff und Reisepapieren,
die von der Stasi kamen, und leistete logistische Hilfe für den Waffentransport
in den Westen. Den auf diese Weise auch kontrollierten Terroristen wurde
im Gegenzug Schutz gegenüber „dem Feind“, also dem Westen, garantiert –
und zwar durch mögliches Asyl und die Stellung von Wohnungen.19 Die DDR
gewährte den in der Bundesrepublik Gesuchten über den Flughafen Berlin-
Schönefeld freie Ein- und Ausreise in arabische Länder, die mit dem Ostblock
verbündet waren, speziell in die Volksrepublik Südjemen. Dort – wie auch im
Libanon und in Syrien – erhielten Terroristen aus vielen Ländern ihre militärische
Ausbildung. Auf diese Weise trafen sich Basken, Bretonen, Iren, Korsen,
Italiener, Japaner, Türken sowie Deutsche von der RAF und der „Bewegung
2. Juni“.
Die italienischen Ermittlungen belegen ein internationales Netz, das von
dem bekannten Verleger Giangiacomo Feltrinelli aufgebaut und nach dessen
Tod 1972 von dem Rotbrigadisten Giovanni Zamboni20 weitergeführt wurde.
Zamboni verfügte über beste Beziehungen zur ersten und zweiten Generation
des deutschen Linksterrorismus. Über ihn erhielt wiederum die RAF Waffen
tschechoslowakischer Herkunft. Schon 1973 wusste Zamboni Bescheid
über die logistische Hilfestellung, die die RAF von der Stasi bekam. Ost-Berlin
stellte für die Rotbrigadisten die Verbindung zu den Palästinensern her, die
wiederum für die militärische Ausbildung sorgten. Die Stasi vermittelte Kontakte
zu den auch in Ost-Berlin residierenden Führern der von den Sowjets
unterstützten PFLP, Haddad und Habash, sowie zum Topterroristen Carlos.
Weitere Stützpunkte des internationalen Terrorismus gab es in der Schweiz
und in Frankreich. In der Schweiz befand sich eine „Außenkolonne technisch-
logistischer Natur“ des italienischen und deutschen Linksterrorismus.
Zu dieser gehörten die „Anarchistische Kampforganisation“ und die „Internationale
Rote Hilfe“ unter der Führung von Petra Krause. Was Frankreich
betrifft, so befanden sich ab Mitte der 70er Jahre in Paris zahlreiche im Hintergrund
gebliebene Führungskader der „Roten Brigaden“ um Mario Moretti,
die schon bei der Gründung der Organisation eine militante Linie durchsetzen
wollten und alle der Kooperation mit Geheimdiensten verdächtigt werden.
Auch Mitglieder der RAF zogen sich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre
immer wieder in die französische Hauptstadt zurück. Offensichtlich geschah
dies nicht nur deshalb, weil in Frankreich zahlreiche ausländische Terroristen
von den staatlichen Autoritäten – bis in die jüngste Zeit hinein – gedeckt wurden,
sondern auch zwecks intensiven Austauschs. Wie Moretti selbst aussagte
– und Ermittlungen haben dies bestätigt –, traf er dort Vertreter des westeuropäischen
Terrorismus wie der RAF, der ETA, und der IRA.
Italienische Ermittler stießen Anfang der 80er Jahre auf eine obskure Sprachenschule
in Paris, Hyperion genannt.21 Diese entpuppte sich als eine Tarnorganisation
für den Linksterrorismus in Europa und eine Verteilungsstelle
für Waffen und Sprengstoff überwiegend aus dem Ostblock. Interessanterweise
wurde just während der Entführung Aldo Moros eine Zweigstelle der
Hyperion-Schule in Rom aufgemacht. Giovanni Pellegrino, langjähriger Vorsitzender
der parlamentarischen Untersuchungskommission, beschreibt diese
ominöse Institution als einen „Kreuzpunkt für westliche und östliche Geheim-
dienste“. Das Ziel habe darin bestanden, gegen die „Feinde des in Jalta
beschlossenen Gleichgewichts der Kräfte zusammenzuarbeiten“.22
Diese unglaublich erscheinende Einschätzung bedeutet, dass es beim Terroranschlag
auf Aldo Moro, möglicherweise aber beim linken Terrorismus
insgesamt, gemeinsame Absprachen zwischen östlichen und westlichen
Geheimdiensten gegeben hat, um den Terrorismus gezielt zu steuern. Mehrere
der von der Parlamentarischen Untersuchungskommission vorgeladenen
Personen aus dem politischen Leben Italiens, darunter auch Generäle, haben
unabhängig voneinander diesen Verdacht geäußert.
Der Terror als Produkt der Geheimdienstkooperation
Viele italienische Politiker, Ermittler und Zeithistoriker sind sich heute darin
einig, dass, wenn man nur gewollt hätte, der Terrorismus schon Anfang der
70er Jahre hätte besiegt werden können, als über V-Männer jedes einzelne
Mitglied bereits bekannt war. Doch Geheimdienste in West und Ost haben
den Linksterrorismus gedeckt und gesteuert. Die Fremdsteuerung des italienischen
Linksterrorismus erfolgte weder im Falle der CIA noch des KGB
direkt, sondern, nach dem Gebot geheimdienstlicher Arbeit, verdeckt, also
mittelbar und in höchstem Maße ausgeklügelt und raffiniert. Der legendäre,
1992 ermordete Untersuchungsrichter Giovanni Falcone sprach, wenn er es
mit subversiven Aktionen der Geheimdienste gegen seine Aufdeckungen der
Zusammenarbeit von Mafia und Politik zu tun hatte, stets von „cervelli raffinati“
– von „raffinierten Hirnen“.
Schon in den 70er Jahren wurden zahlreiche Rotbrigadisten verdächtigt, in
ihre Organisationen als Agents provocateur eingeschleust worden und durch
Geheimdienste fremdgesteuert zu sein.23 Auch in Deutschland gab es derartige
Fälle. Die bekanntesten aufgeflogenen Agenten des deutschen Verfassungsschutzes
sind Peter Urbach, Ulrich Schmücker und Volker von Weingraber.
Sie waren dort nicht tätig, um kriminelle Taten zu verhindern und identifizierte
Mitglieder zu überführen. Vielmehr agierten sie – dies ist aktenkundig –
als Agents provocateur, die, auch über Waffen- oder Sprengstoffbeschaffung,
zu gewalttätigen Anschlägen anstiften sollten. So sind – als ein Beispiel unter
vielen – bei dem führenden Rotbrigadisten Valerio Morucci in seinem persönlichen
Telefonbuch die Telefonnummern zweier hoher Geheimdienstgeneräle
gefunden worden. Als gesichert gilt auch, dass Giovanni Senzani einerseits
seit 1975 das „politische Hirn“ der „Roten Brigaden“ war und andererseits
„enge Beziehungen zu den italienischen Geheimdiensten“ hatte.24
General Gianadelio Maletti, Vizechef des militärischen Geheimdienstes in
den 70er Jahren, bestätigte 1997 vor der parlamentarischen Untersuchungskommission
zu den Terroranschlägen, dass die Geheimdienste im Terrorismus
kräftig mitgemischt haben. Zur Haltung der italienischen Politik gegen-
über dem Terrorismus sagte er: „Wir hatten Befehl – machen zu lassen.“ Dabei
musste Italien sich den politischen Interessen der Amerikaner vollständig
unterordnen. Und zu Deutschland befragt, meinte Maletti, in dieser Frage
habe es keine Unterschiede gegenüber der Situation in Italien gegeben, außer
dass die Bundespublik für die amerikanische Sicherheitspolitik und die Arbeit
der Geheimdienste noch mehr Bedeutung als Italien hatte.
General Maletti wurde – wie viele andere Geheimdienstfunktionäre –
wegen der Deckung von Attentätern und der Beihilfe zu Terroranschlägen
zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Antreten musste er diese allerdings
nicht. Er setzte sich, als die Aufdeckungen 1980 begannen, nach Südafrika
ab. Schon 1976 sagte er, dass sich die „Roten Brigaden“ ab 1975 mit dem Ziel
neu organisierten, noch gewalttätiger und noch geheimer zu werden. Dafür
würden Terroristen von überall her angeheuert und die Auftraggeber dahinter
im Dunkeln bleiben. Er endete mit der Aussage: „Ich würde nicht sagen, dass
man sie als ‚links‘ bezeichnen könne.“
25 Bei vielen der heute noch politisch Aktiven der ehemaligen PCI und insbesondere
ihres linken Flügels ist diese Fremdsteuerung nach wie vor ein Tabu.
Hinzu kommt, dass in der italienischen Zeithistorie, Publizistik und Justiz die
Beeinflussung des Terrorismus lange Zeit zu einseitig auf die CIA bezogen
wurde. 26 Nur widerstrebend werden heute die über die östlichen Geheimdienstakten
gewonnenen Erkenntnisse eingeräumt, dass nämlich nicht nur
die CIA, sondern beide Blöcke den Terrorismus „haben machen lassen“ – und
darüber hinaus sogar gezielt gefördert haben. 27 Die Gründe für das Unbehagen über diese Fremdsteuerung liegen auf der Hand: Denn anders als in
Deutschland hatte der italienische Linksextremismus gerade unter den Linksintellektuellen
eine breite Verankerung. Viele beklagten die Entwicklung der PCI, weg vom Ziel der Revolution und hin zum westlichen Parlamentarismus,
als Verrat. Eine Unterstützung der Sowjetunion im als revolutionär angesehenen
bewaffneten Kampf konnte da ohnehin – und auch ohne Fremdsteuerung
– nur befürwortet werden.
Tatsächlich aber wurde der Links-Terrorismus direkt von Ost-Berlin aus
unterstützt – nicht zuletzt jener der RAF. Heute sind eine Reihe von – eher
zufällig und nicht über Ermittlungen bekannt gewordenen – Unterstützungsaktionen
der Stasi gegenüber der RAF offenkundig, wie die Beherbergung
von zehn in der Bundesrepublik gesuchten Top-Terroristen in der DDR und
die direkte Hilfestellungen für militärische Ausbildung und Waffenlieferung
Anfang der 80er Jahre. Inzwischen weiß man auch von führenden Linksterroristen,
die auf das Engste mit der Stasi zusammenarbeiteten, darunter
Klaus Croissant, Brigitte Heinrich, Werner Lotze, Till Meyer und Inge Viett.
Im Gegensatz zu den italienischen Erkenntnissen ist von der deutschen Justiz
allerdings auch nach dem Fall der Mauer die Frage der Unterstützung
des Linksterrorismus durch die DDR erstaunlich wenig aufgeklärt worden.
Aus Kreisen ehemaliger Stasi-Offiziere verlautete, dass dies nicht geschieht,
weil verantwortliche Kreise der Bundesrepublik schon frühzeitig, nämlich
lange vor dem Mauerfall, über die Stasi-RAF-Connection informiert gewesen
seien.28 Dies würde mit der zitierten Auffassung des ehemaligen Vorsitzenden
der Parlamentarischen Untersuchungskommission Giovanni Pellegrino übereinstimmen,
die einen verborgenen Pakt zwischen West und Ost in Sachen
Terrorismus nahe legt.
Was aber spricht für diese spektakuläre These einer gemeinsamen Beeinflussung
des europäischen Linksterrorismus durch KGB und CIA? Auskunft
darüber geben erneut vor allem die Erkenntnisse im Fall Aldo Moro.

Der Fall Aldo Moro als Lehrstück

Seine schrittweisen Enthüllungen im Fall Moro fasst Richter Imposimato wie
folgt zusammen: „Und ich habe mich damals gefragt, kann es denn möglich
sein, dass zwei Geheimdienste, die sich bekriegen, an dem gleichen Ergebnis
interessiert sein können? Ja, es ist möglich, weil sie beide das Interesse hatten,
sich Moros zu entledigen.“
Der Fall Aldo Moro ist der politisch am weitesten reichende Anschlag im
italienischen Terrorismus der 70er und 80er Jahre. Er ist inzwischen zu einem
Lehrstück geheimdienstlicher Intrigen geworden. Mitte der 70er Jahre wurde
die politische Lage in Italien immer angespannter. Dadurch intensivierten sich
die Pläne für eine gemeinsame Regierungsbildung durch den führenden linken
Christdemokraten Aldo Moro und Enrico Berlinguer, den Chef der PCI, die
immerhin von einem Drittel der Wählerinnen und Wähler unterstützt wurde
– einmalig in der westlichen Welt. Dieser sogenannte „Historische Kompromiss“
fand zwar im Volk breite Zustimmung, doch starken Widerstand unter
linken Kommunisten, rechten Christdemokraten und den Sozialisten. Auch in
Washington wurden der Plan Moros und Berlinguers auf das Äußerste beargwöhnt
und als Bedrohung der eingespielten Machtverhältnisse angesehen.
Doch auch Moskau war an einer Veränderung des 1945 in Jalta ausgehandelten
Gleichgewichts der Weltordnung in eine östliche und eine westliche
Hemisphäre nicht interessiert. Politiker, Ermittler und Zeithistoriker in Italien
sehen in diesem Pakt zwischen Washington und Moskau den entscheidenden
Schlüssel für die ausgesprochen regen Aktivitäten von in- und ausländischen
Geheimdiensten im italienischen Untergrund.
Denn für die Geheimstrategien im Westen und Osten ermöglichte die Förderung
und Kontrolle des Terrorismus eine Destabilisierung der politischen
Verhältnisse und die Verhinderung der sich anbahnenden politischen Veränderungen.
Washington zielte über False-flag-Anschläge, die Linksextremen
untergeschoben, aber von Rechtsextremen durchgeführt wurden, auf eine
Diskreditierung und damit Schwächung der Linken – und hielt sich damit die
Möglichkeit offen, gegebenenfalls mit militärischer Gewalt im Inneren gegen
eine zu stark werdende, von der PCI angeführte Linke vorgehen zu können.
Der Osten bezweckte über die Stärkung des Terrorismus generell die Schwächung
der westlichen Demokratien – ohne dabei das übergeordnete Gleichgewicht
der Kräfte zwischen West und Ost gefährden zu wollen. Es verwundert
daher kaum noch, dass verschiedene politische Kreise schon im Vorfeld über
geheime Pläne einer Entführung Aldo Moros bestens informiert waren. So
bezeugte das Mitglied der Geheimorganisation Gladio, Pierluigi Ravasio, dass
General Pietro Musumeci, hoher SISMI-Funktionär und P2-Mitglied, einen VMann
in den Roten Brigaden hatte und von diesem schon vor der Entführung
Moros über alles, was geschehen sollte, informiert worden war.
Ebenso ist dokumentiert, dass auch das BKA und der Verfassungsschutz von
dem Anschlag wussten, über den als Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ getarnten
und mit den „Roten Brigaden“ kooperierenden Agenten Weingraber. In
Akten der Parlamentarischen Untersuchungskommission stößt man auf Lageberichte
des zivilen italienischen Geheimdienstes SISDE vor dem Anschlag
auf Aldo Moro, wonach diese Erkenntnisse an die deutschen Ermittlungsbehörden
weitergeleitet wurden. Auch die französischen Behörden waren
über den Anschlag auf Moro schon vorher informiert, wie der zuständige
Untersuchungsrichter bei Ermittlungen in Paris zur Kenntnis nehmen musste.
Diese tiefe Verstrickung der Geheimdienste hilft zu verstehen, warum in
Deutschland kaum ein Anschlag der „Roten Armee Fraktion“, der „Bewegung
2. Juni“ oder der „Revolutionären Zellen“ richtig aufgeklärt wurde und
warum massive Ungereimtheiten und Widersprüche in der Führung der Prozesse
gerade in letzter Zeit zu Misstrauen Anlass geben.

Der „neue Typ“ des Agenten

In Italien sind die Behörden mit der Aufdeckung der Tätigkeiten der Geheimdienste
dagegen einen großen Schritt weiter. Schon im Rahmen der Aufklärung
des ersten großen Terroranschlages am 12. Dezember 1969 in der Landwirtschaftsbank
an der Piazza Fontana in Mailand hatte Untersuchungsrichter
Guido Salvini 1996 einen anerkannten Sachverständigen beauftragt, nicht
katalogisierte Dokumente des „Ufficio per gli affari riservati“, des Büros für
vertrauliche Angelegenheiten,29 beim Innenministerium zu begutachten. Das
Ergebnis erregte Aufsehen, wurde aus den Dokumenten doch deutlich, wie
stark die Einmischung der Geheimdienste in den linksextremistischen Organisationen
der 70er Jahre war.30 Und dies keineswegs nur in Italien.
Bereits Ende der 60er Jahre begannen sich die Geheimdienstvorsitzenden,
oder ihre Stellvertreter, der sechs Länder der damaligen EG (Deutschland, Italien,
Frankreich, Belgien, Holland und Luxemburg) wie dann auch Irlands,
Englands, Dänemarks und der USA regelmäßiger zu treffen.31 Ihr Thema:
der koordinierte Umgang mit den außerparlamentarischen Organisationen.
In dem zusammenfassenden Protokoll der Sitzung vom 19. Februar 1969
weist der deutsche Teilnehmer Günther Nollau darauf hin, dass „ein amerikanischer
Geheimdienst“ extremistische Elemente im studentischen Umfeld
finanziert habe. Dies kommentiert der Sachverständige als eine Anspielung
auf den Plan „Chaos“32, den die versammelten Vertreter nicht zu befürworten
scheinen. Dabei handelt es sich um einen 1967 in den USA entwickelten Plan,
in dem die Bedeutung von Agent Provocateurs in linksextremistischen Gruppen
herausgestellt wird.

Der „Club di Berna“33, benannt nach dem Gründungsort dieser illustren
Runde (der zugleich auch der Sitz der CIA in Europa war), diskutierte und
protokollierte vier Jahre später, am 19. Januar 1973 in Köln, die Probleme der
Infiltration von Gruppen der außerparlamentarischen Organisation durch
Geheimdienstagenten.34 Günther Nollau, seit dem 1. Mai 1972 Präsident des
Verfassungsschutzes, hatte den Vorsitz der Versammlung. Der italienische
Teilnehmer Francesco D‘Agostino beklagte die Beengung der Möglichkeiten
durch die Gesetze, da ein Agent Gesetzesbrüche begehen müsse, spätestens
wenn es ihm gelungen sei, in die Führung der Organisation zu kommen.
Der am weitesten reichende Vorschlag kommt auf dieser Versammlung von
Hans-Josef Horchem vom Hamburger Verfassungsschutz und späterer Direktor
des Bonner „Instituts Terrorismusforschung“. Es gelte, „einen neuen Typ“
des Agenten für die Infiltration aufzubauen. Für seine Akzeptanz und Glaubwürdigkeit
in der Organisation sei für den „aktiven Agenten“ mehr „Kultur
und Bildung“ vonnöten. Diese sollen unter anderem die folgenden Bereiche
umfassen: „Die Ideologie und die verschiedenen Verhaltensweisen der terroristischen
Gruppen; die Kenntnisse aller Mittel der Geheimdienste und der
Techniken, die angewandt werden können; der Gebrauch von Explosivstoff
und Waffen.“ Es müsse zudem sichergestellt sein, „dass ihm materielle Mittel
und Hilfestellungen für sein zukünftiges Leben zur Verfügung gestellt werden“.
Der italienische Sachverständige Aldo Giannuli kommentiert: „Tatsache
ist, dass diese vorgeschlagenen Maßnahmen nicht mit dem Bild einer einfachen
Informationstätigkeit korrespondieren. Hier wird ein ambitionierteres
Bild von einem Agenten entworfen, der in die Führungsgruppen der Linksextremen
eindringt, um sie dann fremdzusteuern.“
In der Parlamentskommission gibt es keinen Zweifel, dass der Initiator des
„Club di Berna“, Umberto Federico d‘Amato, der CIA-Mann in Italien war
und schon früh mit der Infiltration kleiner Gruppen der Studentenbewegung
durch seine Leute begann. Als er sich 1974 im Zusammenhang der Entführung
des Richters Sossi den Lapsus erlaubte zu sagen, dass „wir jeden einzelnen
Rotbrigadisten kennen“ – und die drängende Frage in der Öffentlichkeit
entstand, warum er sie denn nicht hatte verhaften lassen – , wurde kurz
danach sein Büro aufgelöst. Geheimdienstgeneral Giovanni Romeo, lange
Jahre Gladio-Verantwortlicher und während der Moro-Entführung Leiter für
innere Sicherheit beim militärischen Geheimdienst SISMI, räumte bei seiner
Anhörung 1990 vor der Parlamentarischen Untersuchungskommission zur
Aufklärung der Bombenanschläge ein, dass es schon von Anfang an von den
Geheimdiensten gesteuerte V-Leute gegeben habe. Durch sie habe man alles
über Bewegungen und Absichten der „Roten Brigaden“ erfahren.35
Zweifel am Aufklärungswillen der deutschen Justiz
Wo in Italien Staatsanwälte und parlamentarische Untersuchungskommissionen
sehr ertragreich aufdecken, wird in Deutschland tabuisiert und zugedeckt.
Bei uns sind es eher Journalisten, die auf gravierende Unterlassungen
oder unlogische Rechtfertigungen und Widersprüche der Begründungen von
Justiz, Politik und Geheimdiensten hinweisen. Oft genug müssen sie dafür
noch Verunglimpfungen einstecken.

Ausgelöst durch die Begnadigungsdebatte um Christan Klar zeigten sich
eklatante Unterlassungen und Widersprüche, was Prozess und Urteil zur
Erschießung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback anbelangt. Dabei
war unschwer zu erkennen, dass nicht nur geschlampt worden war, sondern
Erkenntnisse gezielt verborgen gehalten werden sollen. Der Sohn des
Ermordeten, Michael Buback, äußerte deshalb in den Medien öffentlich Zweifel
am Aufklärungswillen der deutschen Justiz. Er sah eine Involvierung von
Geheimdiensten, „Anzeichen eines Geheimnisses“ und wünschte sich von
den kompetenten Stellen „zufriedenstellende und nachvollziehbare Antworten“.
36 Ihm schloss sich Corinna Ponto an, die Tochter des im Juli 1977 von der
RAF erschossenen Vorstandssprechers der Dresdner Bank Jürgen Ponto. Sie
sprach gar von einer „Groteske der Aufklärung“.37
Tatsächlich war zähes Ringen auf der Justizpressekonferenz in Karlsruhe
nötig, um letztlich die Veröffentlichung des Urteils zum Buback-Mord zu erreichen.
Erst hieß es, ein laufendes Ermittlungsverfahren ließe eine Veröffentlichung
nicht zu, dann wurde es schließlich doch, aber erst nach sechs Wochen,
Mitte August herausgegeben – allerdings teilweise geschwärzt wegen der
„Wahrung von Persönlichkeitsrechten Betroffener“.
Bis heute wird die Steuerung des Terrorismus durch die Geheimdienste von
den deutschen Behörden als Tabu behandelt, weshalb aufklärende Forschung
auf andere als Justiz- Quellen angewiesen bleibt. So erfahren wir zwar in den
Memoiren der Ex-Terroristin Inge Viett immerhin einiges über eine Verbindung
zur Stasi. Doch sollen diese Kontakte erst ab Ende 1978 während einer
Durchreise geknüpft worden sein. In der deutschen Zeitgeschichsforschung
findet man von festgestellten Verbindungen des deutschen Linksterrorismus
zu Geheimdiensten so gut wie keine Spur.

So wird in den zwei monumentalen Bänden zum Thema „Die RAF und der
linke Terrorismus“, die das Hamburger Institut für Sozialforschung jüngst herausgebracht
hat, auf 1400 Seiten mit vielen Worten versucht, die Tätigkeit der
Geheimdienste möglichst zu übersehen. Was das Thema „Die RAF und der
internationale Terrorismus“ betrifft, so heißt es dort, die RAF habe „eine Vielzahl
unterschiedlicher internationaler Kontakte unterhalten, die durchweg
schwierig und nicht besonders erfolgreich waren“.38 Neben derart vagen Wendungen
stößt man auch auf zahlreiche nicht näher belegte Behauptungen. So
heißt es etwa, „dass sie [die RAF-R.I.] zwar durch ihre internationalen Kontakte
ihre Existenz relativ lange erhalten konnte, sich aber gleichzeitig spezifische
Kooperationsprobleme einhandelte, die zu ihrem politischen Scheitern beitrugen“.
Worin die „spezifischen Kooperationsprobleme“ bestanden haben sollen,
wird nicht erläutert. Besonderes kriminalistisches Interesse oder Geschick
kann man dem Autorenteam in dieser Frage also nicht gerade nachsagen.
Was die Stasi-RAF-Connection anbetrifft, wird uns von den Kennern der
Materie suggeriert, dass über das Bekanntgewordene hinaus „mit Sicherheit
nichts Neues mehr zu erwarten“ ist.39 Merkwürdig nur, dass der zuständige
Spezialist und Mitarbeiter der Stasiunterlagen-Behörde dies bereits heute „mit
Sicherheit“ weiß, obwohl zurzeit gerade die 1989 von der Stasi selbst noch in
aller Eile geschredderten Dokumente zusammengesetzt werden. Dabei kann
man durchaus annehmen, dass die gleich nach dem Mauerfall vernichteten
Dokumente die brisantesten gewesen sein dürften – zumal diese auf Straftaten
von Mitwissern in Ost und West verweisen könnten, die auch nach dem
Ende der DDR noch geahndet werden können.
Sich in Sachen Geheimorganisationen allwissend zu geben, kann einer
umfassenden Aufklärung dieses entscheidenden Abschnitts deutscher und
europäischer Nachkriegsgeschichte nur im Wege stehen. Zumal fehlende
Aufdeckung durch die Justiz keineswegs bedeutet, dass nichts aufzudecken
wäre. Wer heute wirklich um Aufklärung bemüht den Terrorismus aufarbeitet,
stößt dabei immer wieder auf massive Mauern des Schweigens. Das liegt
in der Natur der Sache, hat man es hier doch auf beiden Seiten mit Geheimorganisationen
zu tun – seien es die Terroristen, seien es die „Verfassungsschützer“.
Nur hin und wieder ergibt sich der Glücksfall, dass ein ehemaliges
Mitglied bereit ist, mit den Ermittlern oder Rechercheuren ganz oder teilweise
zusammenarbeiten und auf diese Weise ein Stück mehr Licht in die unaufgeklärten
Geschehnisse kommt. Doch dass ehemalige führende Terroristen,
insbesondere wenn sie der Zusammenarbeit mit Geheimdiensten verdächtigt
werden, weder die ganze Wahrheit noch ausschließlich Wahrheiten von
sich geben, und dass Geheimdienste Desinformationen herausschicken, dafür
sogar eigene Abteilungen unterhalten – all das ist den meisten Wissenschaftlern
anscheinend zu brisant.
Offensichtliche Widersprüche und Ungereimtheiten zeigen jedoch, dass
es bis heute zahlreiche Dinge gibt, die nicht aufgedeckt werden sollen. Die
Förderung des Terrorismus der 70er und 80er Jahre durch Geheimdienste
bleibt ein Tabu. Bis heute machen Justiz und Zeitgeschichte – man möchte
fast meinen, im vorauseilenden Gehorsam – einen großen Bogen um dieses
Thema. Wenn staatliche Institutionen selbst in illegale Geschehnisse verwickelt
sind, ist der politische Aufklärungswille natürlich gering. Zumal sich hinter
dem „Top Secret“ der Geheimdienste nicht selten Dinge verbergen, die
allen Grundprinzipien der parlamentarischen Demokratie entgegenstehen.
Dass die weisungsgebundene Justiz wenig tut, um dieses aufzudecken, ist
verständlich. Doch wo bleibt der kritische und aufklärerische Geist von Wissenschaft
und Journalismus? Das Thema RAF ist auch in dieser Hinsicht alles
andere als ein Ruhmesblatt – und lange noch nicht abgeschlossen.

1 Vgl. dazu Regine Igel, Kein Maulkorb für den Staatsanwalt. Vom Nutzen italienischer Verhältnisse in
der Justiz, in: „Blätter“, 11/2003, S. 1380-1389.
2 Vgl. Regine Igel, Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA, München 2006; dies., Strategie der Spannung.
Italiens Terror und die CIA, in: „Blätter“, 7/2004, S. 825-834.
3 Im Gespräch mit der Autorin im Juni 2003.
4 Dies waren Rolf Heißler, Rolf Clemens Wagner, Gabriele Kröcher-Tiedemann, Christian Klar, Willi
Peter Stoll, Sieglinde Hoffmann, Brigitte Mohnhaupt, Volker Speitel und Brigitte Heinrich.
5 Vgl. Brigate Rosse, Attaccare, Colpire, Liquidare e Disperdere, Nr. 4 11/1977, vgl. Senato della Repubblica
Legislatura VIII Documenti, S. 139.
6 Parlamentskommission zum Überfall auf Aldo Moro, Dok. XXIII Nr. 5, Rom 1990, Anhang S. 294.
7 Gegenüber der Autorin im Juni 2007. Über Weingraber erschienen vor einigen Jahren Artikel in der
deutschen Presse, wonach dieser nach siebenjähriger Agententätigkeit seinen Dienst quittiert habe
und nun – dank der großzügigen Abfindung von rund einer Million DM – in einer „bella fattoria di
vino“ in der Toskana lebe.
8 Vgl. Senato della Repubblica XIII Legislatura Doc. XXIII, No. 64 Vol.1, Tomo V, parte seconda, S. 247.
(In diesem Dokument der Parlamentarischen Untersuchungskommission zu den Terroranschlägen sind
Ergebnisse der Ermittlungen verschiedener Staatsanwaltschaften zum Einfluss des Ostens auf den
westeuropäischen Terrorismus zusammengefasst.)
9 Im Gespräch mit der Autorin im Juni 2007.
10 Eine Technik, wie sie beim Überfall auf Siegfried Buback im April 1977 angewandt wurde.
11 Vgl. Imposimatos Ausführungen vor der Parlamentskommission 81 a Seduta, 26.10.2005.
Linksterrorismus ferngesteuert?
12 Zu Thomas Kram laufen Ermittlungen; vgl. Parl. Comm. XIV legislatur Resoconto 83a seduta 25.1.2006
und 98a seduta 25.1.2007.
13 Imposimato stufte die Einschätzung von Payot gegenüber der Autorin im Juni 2007 als sehr bedeutsam
ein.
14 Sergio Flamigni, La sfinge delle Brigate rosse, Mailand 2004, S. 214 ff.
15 So auch Corinna Ponto für den Anschlag auf ihren Vater Jürgen Ponto, der im Juli 1977 von der RAF
ermordet wurde; vgl. „Die Welt“, 28.7.2007.
16 So Antonio Savasta und Michele Galati und eine Schrift der Roten Brigaden, die am 30.1.1982 in Auszügen
von „Lotta Continua“ abgedruckt wurde. Dort wird die RAF ausführlich als der Sowjetunion
gegenüber subaltern kritisiert, vgl. Atti parlamentari Resoconto stenografico camera dei deputati, VIII
legislatura-discussioni-seduta del 1 febbraio 1982, S. 39919.
17 Vgl. den Abschlussbericht der parlamentarischen Untersuchungskommission zu den Mitrochin-Akten
vom 15.3.2006, S. 286 ff; auch Christopher Andrew und Wassili Mitrochin, a.a.O., S. 472. (Die Identität
von Haddad/Nazionalist als KGB-Agent wurde in der ZDF-Sendung „Das Wunder von Mogadischu“
vom 4.9.2007 durch einen ehemaligen KGB-Offizier bestätigt. )
18 Ebd.
19 Ebd., S. 292.
20 Nach dessen Untertauchen folgten ihm Lauro Azzolini sowie Mario Moretti und nach 1981 Giovanni
Senzani. Vgl. Senato della Repubblica XIII Legislatura Doc. XXIII, No. 64 Vol.1, Tomo V, parte
seconda.
21 Zu dieser Tarninstitution vgl. Regine Igel, Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA, München 2006, S. 231.
22 Giovanni Fasanella, Claudio Sestieri und Giovanni Pellegrino, Segreto die Stato, Turin 2000, S. 125 ff.
(Namen von Deutschen, die mit dieser Schule zu tun hatten, sind nicht bekannt geworden.)
23 Vgl. Regine Igel, Terrorjahre, a.a.O., S. 242 ff.
24 Vgl. Fasanella, Sestieri und Pellegrino, a.a.O., S. 228.
25 Vgl. „Il Tempo“, 20.6.1976; Regine Igel, Terrorjahre, a.a.O., S. 218.
26 Dies spiegelt sich auch in dem Buch der Autorin „Terrorjahre“ wieder.
27 Hier dürfte der Grund dafür liegen, warum so viele der italienischen Linksaußen-Intellektuellen wie
Rossana Rossanda und andere um „Il manifesto“ so hartnäckig und allen Erkenntnissen zum Trotz eine
Steuerung der Roten Brigaden durch Geheimdienste generell und bis heute leugnen.
28 Vgl. Michael Müller und Andrea Kanonenberg, Die RAF-Stasi-Connection, Berlin 1992; Gerhard Wisnewski,
Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker, Das RAF-Phantom, München 1992.
29 Dieses Büro gilt als italienische CIA-Zentrale.
30 Tribunale di Milano, Ufficio istruzione. Relazione di Perizia. Proced. Pen. N.2/92F R.G.G.I., N.9/92A
R.G.P.M. Reperti „Via Appia“ perito Aldo Giannuli, S.27, und im Anhang 18 (eigene Übersetzungen
aus dem italienischen Original).
31 Ab 1979 gehörte interessanterweise auch der rumänische Geheimdienst zum „Club di Berna“.
32 Vgl. Regine Igel, Terrorjahre, a.a.O., S. 128 ff. Dort auch ähnlich das Field Manual 30/31 von General
Westmoreland. Der Plan „Chaos“ wurde 1975 von der Rockefeller-Untersuchungskommission aufgedeckt.
33 Ebd., S. 281.
34 Tribunale di Milano. a.a.O., S. 34 ff. und im Anhang 18.
35 Vgl. Regine Igel, Terrorjahre, a.a.O., S. 242.
36 Vgl. „Süddeutsche Zeitung“; 30.4.2007, „tageszeitung“, 15.8.2007; „Passauer Nachrichten“, 8.9.2007.
37 Vgl. „Die Welt“, 28.7.2007.
38 Vgl. Christopher Daase, Die RAF und der internationale Terrorismus, in: Wolfgang Kraushaar (Hg.),
Die RAF und der Linke Terrorismus, Hamburg 2006, S. 905 ff.
39 Tobias Wunschik, Baader-Meinhofs Kinder, Opladen 1997; ders., Das Ministerium für Staatsssicherheit
und der Terrorismus, www.extremismus.com.

Linksterrorismus ferngesteuert? 1235
Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2007

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Ich glaube, dass den existierenden kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt. Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was wir schon fast verloren haben - die Würde des Menschen.              Harold Pinter

 

Linksterrorismus fremdgesteuert?